herzlichen Dank dafür, dass Sie offenlegen, wie wenig Sie von der Situation frisch gebackener Eltern in Deutschland wissen. Es geht ja nur um die Eltern in dem Land, dem Sie dienen.
 
Sie wollen ja die „Wirkung des Elterngeldes“ noch einmal genauer prüfen. Denn schließlich gibt es ja nicht mehr Geburten in Deutschland, nein, die Geburten sind sogar rückläufig. Ja, und warum sollte da ein Sozialstaat noch dafür zahlen, dass eine Familie ein Jahr Zeit hat, sich um ihre Säuglinge zu kümmern? Einen durchaus interessanten Einblick in Ihre Vorstellung von Geben und Nehmen im Staate Deutschlands geben Sie da.
 
Herr Kauder, ich würde Ihnen da gerne einmal kurz etwas schildern:
Nach einer Geburt sollten Frauen erst einmal sechs Wochen Wochenbett halten, das bedeutet, die Frau erfährt nach der Geburt einen geschützen Raum innerhalb ihrer Familie um sich zu regenerien. Sollte nun nach den acht Wochen Mutterschutz keine weitere staatliche finanzielle Unterstützung mehr gewährleistet sein würde das ja bedeuten, dass jede Mutter in Deutschland, die vor der Geburt berufstätig war, innerhalb von zwei Wochen zwischen zwei Lebensentwürfen entscheiden muss:
 
I. Direkt wieder arbeiten zu gehen, evtl. körperlich jedoch noch nicht ganz auf der Höhe. Verknüpft ist das mit vielen weiteren Problemen, denn wie wird der Säugling während dieser Zeit versorgt? Sollte die Mutter stillen wollen: gibt es in der Arbeit Möglichkeiten Milch abzupumpen ohne seltsame Blicke der Kolegen/Innen? Wie findet die Familie innerhalb von zwei Wochen nach dem Wochenbett eine Betreuungsmöglichkeit für Ihren Säugling? Wie reagiert unsere Gesellschaft auf eine Mutter, die nach acht Wochen ihr Kind einer Betreuung anvertraut und evtl. wieder volle 40 Std. die Woche arbeitet? Des weiteren kursieren immer wieder hartnäckig die längst widerlegten Gerüchte, Krippenkinder wären nicht so ausgeglichen, nicht so intelligent, nicht so sozial wie zu hause erzogene Kinder. Wie kann eine Mutter damit leben, ihrem Kind das „zuzumuten“?
Ich mag es ja nur vermuten, aber sicher wird es nicht einfach werden für die Frau, sich nur aus monetären Gründen all diesen Fragen und Hürden zu stellen.
 
II. Die weitere Alternative wäre dann sich zu sagen, na gut, es geht ohne extra Geld, d.h. ein Elternteil wird die gesamte Familie versorgen müssen. Also wird die Familienkasse, die immer mit zwei Einkommen gefüllt wurde, nun nur noch mit einem Einkommen gefüllt, wobei jedoch die Familie ja um eine Person gewachsen ist. Ich denke doch, in den meisten Familien wird aus praktischen Gründen die Frau zu hause bleiben und der Partner geht wieder arbeiten. Das bedeutet, die Versorgung, die die Frau ihrem Kind gibt, ist „ehrenamtlich“, sie kann sich nur noch über die Rolle als Mutter definieren und darauf warten, bis das Kind alt genug ist, dass sie wieder arbeiten gehen kann.
Ich mag es ja auch hier nur vermuten, aber viele junge Frauen werden mit diesem Rollenmodell nicht mehr leben wollen.
 
So haben wir doch in beiden Fällen eine sehr interessante Stellung der Frau: im ersten Fall wird dieser Typ Frau landläufig als herzlose Rabenmutter bezeichnet, die ihre Karriere über das Familienwohl stellt. Wird das zweite Einkommen jedoch für die Versorgung der Familie benötigt, hat Frau nicht die Möglichkeit, so sehr sie es auch wollte, bei ihrem Kind zu bleiben.
Im diesem Fall wird die Frau sich entscheiden müssen, einem klassischen Rollenbild entsprechend, die eigene Versorgung und die Versorgung des Kindes in die Hände des Partners zu geben und sich somit der eigenen Freiheit zu berauben.
 
Sehr geehrter Herr Kauder, denken Sie wirklich diese beiden Modelle finden Anklang bei den Frauen hier im Land?
Was spricht gegen ein einjähriges Erziehungsgeld? Haben nicht die Frauen größtenteils ebenso über Lohn und Einkommen dazu beigetragen, dass dieser Staat es sich leisten kann ein Sozialstaat zu sein? Haben diese Frauen es dann nicht ebenso wie kranke Menschen, Senioren oder Bürger ohne Arbeit verdient, einen Teil aus diesem Topf zu erhalten, vor allem, da sie ja die Kinder betreuen, die sie sich so sehr für Deutschland wünschen?
Denken sie nicht, dass sie mit ihren Bemerkungen die Angst schüren, Kinder zu bekommen sei eine Sache, die ein Paar finanziell ungemein belastet und vom eigenen Staat nicht getragen wird?
 
Wozu alles so kompliziert machen? Warum erhält nicht jede Familie, unabhängig vom Einkommen ein gleiches Elterngeld, das wäre meiner Meinung nach eine soziale und gerechte Lösung!
Wozu die Bonus-Monate, wenn der Vater sich für Elternzeit entscheidet? Das schürt doch nur wieder den Gedanken, dass es unglaublich „besonders“ ist, wenn ein Vater das eigene Kind versorgt, wo es doch in einer gleichberechtigten Gesellschaft gar nicht mehr unterschiedlich gewertet werden sollte, wer das Kind betreut.
Wozu lange Diskussionen über das Elterngeld wenn doch die Problem-Themen lange bekannt sind (fehlende Betreuungsplätze, schwierige Eingliederung der Frau ins Berufsleben nach der Elternzeit, schwierige und komplizierte Antragsstellung, etc., etc.).
 
Herr Kauder, ich würde mir sehr wünschen, dass sie sich einmal mit zwei jungen Familien an einen Tisch setzen und sich die Zeit nehmen, das Thema direkt zu besprechen und die Probleme der Familien zu hören, zu begreifen, zu verstehen. Ein Ausschuss zu dem Thema, diverse Statistiken und verschieden Reden einzelner Parlamentarier werden Ihnen das sicher nicht so gut vermitteln können, wie die authentischen und direkten Ansagen einer Mutter und eines Vaters aus Deutschland.
 
Sehr geehrter Herr Kauder, zeigen Sie doch Stärke und unterstützen Sie eine gute und starke Familienpolitik in Deutschland. Beseitigen Sie all die Themen, die in den Köpfen der jungen Paare durch Medien und Politiker geschürt werden – als Anstoß nenne ich noch einmal ein paar: fehlende Betreuungsplätze, mögliches Karriere-Aus für die Frauen, finanzieller Abstieg, die Rolle der Frau, als Mutter und Berufstätige etc., etc.
 
Ich denke, wenn wir Deutschen merken, dass eine Familie etwas schönes, etwas spannendes und wundervolles ist, wird sich das Thema sinkende Geburtenrate auch erledigen.
 
Mit freundlichen Grüßen,
 
eine Mutter zweier Kinder – aktuell in Elternzeit – froh über das Elterngeld, dass meine  Selbständigkeit und meine bisher geleistete Arbeit würdigt und es mir ermöglicht, das erste und so wichtige Jahr meiner Tochter in Ruhe und finanzieller Sicherheit zu erleben