Patchwork Disaster

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Meine Familie baut sich folgendermaßen auf: ich habe zwei Kinder von zwei verschiedenen Vätern, nix Besonderes. Eine kleine Patchwork-Konstellation. Nicht wahnsinnig vertrackt und verzweigt. Ich bin verheiratet (anständig, was?) und habe eine zweite Tochter mit meinem Mann. Der Vater von meinem ersten Sohn und ich haben uns getrennt, als mein Sohn ein Jahr alt war.


Wir teilen uns die Erziehung, d.h. mein Sohn ist wahlweise So-Mi oder Sa-Mi bei mir, Mi abend-Sa oder Mi abend bis So abend bei seinem Papa. Seine Schule ist direkt vor unserer Haustür, wenn er bei seinem Vater ist, fährt ihn dieser dort hin. Mein Sohn hat zwei (Halb-) Schwestern in kürzester Zeit bekommen, drei Monate nach der Geburt unserer Tochter hat er auch bei seinem Vater noch eine Schwester geschenkt bekommen. Das heißt, mein Sohn muss zwar hin- und her wechseln, hat dann jedoch ganz ähnliche Strukturen.

Wir alle bemühen uns darum, eine entspannte und offene Kommunikation zu pflegen. Ich finde, die letzten zwei Jahre ist das dann auch wirklich so gewesen, wir stimmen uns ab, es gibt kein „nur Wochendende Papa oder Mama“, keine Unterhaltszahlungen, wir teilen uns trotz Trennung die Erziehung, zumindest wenn wir die Erziehung auf einen zeitlichen Aspekt runter brechen.
Nichts desto trotz bleiben die Momente, in denen ich diese ganze Patchwork-Scheiße an die Wand klatschen möchte. Ganz ehrlich: da wünsche ich mir, ich müsste mich mit niemandem abstimmen.
Ich finde an unserer Familie nicht das Organisieren schwierig, das finde ich sogar noch mit das Einfachste. Ich kann aufs ganze Jahr verteilt planen, wann mein Sohn bei mir ist und wann nicht. Ferien stimmen wir separat ab, klar, auch nicht immer einfach, aber das geht schon.
Nein, die Scheiße ist, dass ich mich von einem Mann getrennt habe, mit dem ich nicht mehr auf einer vernünftigen Ebene kommunizieren konnte und genau mit dem muss ich jetzt mit das Wichtigste in meinem Leben besprechen. (Und wehe jetzt kommt hier irgendein Scheiß – Kommentar von wegen dann hätte ich ja verhüten können. Wer auch immer das jetzt denkt, liest sich das hier noch dreimal durch und wenn er/sie es dann nicht kapiert hat, dann ist mein Blog vielleicht einfach nicht der Richtige für ihn oder sie.)
Ich habe das Gefühl, ich muss mich neben meinen anderen Themen die mich schon genug fordern auch noch permanent um eine gefasste, respektvolle Kommunikation mit einem Mann kümmern, den ich ja nicht ohne Grund verlassen habe.
Ja klar, in 99,9 Prozent der Fälle finde ich, dass wir das super machen, dass ich das super mache und alles klappt auch.
Aber es gibt eben auch die Tage wie heute, an denen ich mir wünsche, alleine Entscheiden zu können, ohne Rücksicht, ohne hin und her, ohne Patchwork- Familienkonferenz einmal im Monat.

Und dann das nächste, neben meine eigenen Problemen mit dem Flickerteppich Familie:
Das öffentliche Bild einer Patchworkfamilie…. ich bekomme als autom. Vervollständigung auf Google auch gleich Patchtwork – „Probleme“ und dazu dann einzelne Infos aus einem Artikel in der TAZ, herrje: http://www.taz.de/!70281/

Mich erschleicht da das Gefühl, manche Wissenschaftler sind nicht so objektiv, wie sie sein sollten.
Wie will man denn in Studien die Entwicklung der Kinder „bewerten“ und dabei ausschließlich das Kriterium Familienkonstellation hernehmen? Das empfinde ich als sehr willkürlich, denn es gibt so viele verschieden Konstellationen und Verknüpfungen, ich kann mir nicht vorstellen, wie man das wissenschaftlich, als so objektiv wie nur möglich erheben will?
„Der Neurologe und Psychiater Bertrand Flöttmann glaubt, dass eine verwöhnende Erziehung, Vernachlässigung und schmerzhafte Trennung beim Kind zu psychischen Störungen führen: „Darum zeigen Patchworkkinder eine erhöhte Aggressivität, neurotische Fehlhaltungen und verringerte soziale Kompetenz.“ Viele Wissenschaftler sind darum der Meinung, dass Eltern „der Kinder wegen“ möglichst lange zusammenbleiben sollten“
Wie bitte? Ist es denn Gesetz, dass sie vernachlässigt werden und verwöhnt werden? Und ich hoffe, die Wissenschaftler, die sich wünschen Eltern blieben für das Wohl der Kinder zusammen, egal wie destruktiv sich das auf das ganze Familiensystem auswirkt, werden nicht von öffentlichen Geldern finanziert, also von meinen Steuern! (Hier übrigens eine kurze Anmerkung zu Herrn Bertrand Flöttmann, dem oben zitierten Wissenschaftler aus dem TAZ Artikel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-52985304.html
Oder hier: ich brech gleich ab!!!!! http://www.wilhelm-griesinger-institut.de/veroeffentlichungen/machtderfrau.html und hier http://www.wilhelm-griesinger-institut.de/gedichte.html

Gott sei Dank schließt der Artikel noch mit anderen Studien über die Patchworkfamilien, ich hoffe, diese Stimmen setzen sich in der Gesellschaft eher durch. Denn die als klassisch propagierte Familie mit Mutter, Vater, Kind(ern) ist ein Mythos aus der Mitte des letzten Jahrhundert. Seit geraumen Zeiten war und ist Familie immer ein durchlässiges System,  Veränderungen bedingt durch Todesfälle und wechselnde Erziehungspersonen (Ammen, Gouvernanten, Hauslehrer, Nannys, Grannys…), and so on….

Und dass die katholische Kirche die Fahne für die klassische Familie hisst, war ja voraus zu sehen, hier dennoch ein haarsträubender Artikel, den ich hier unbedingt verlinken muss: patchwork-familie-begunstigt-mißb***** . Denn es scheint nicht notwendig zu sein, zu betonen, dass nicht die Patchwork Familie diesen „begünstigt“, sondern dass es an den sozialen Vätern liegt, es liegt nicht am System der Familie sondern eine Person ist verantwortlich, nicht automatisch die Struktur der Familie (ich weiß, das Thema ist auch nicht auf diesen kurzen Satz herunterzubrechen, aber ich möchte mich heute nur auf den Kontext der Familienstruktur Patchwork /Stiefeltern beziehen).Aber hey, das wären jetzt ja journalistische Spitzfindigkeiten für die katholische Kirche, lieber wird Folgendes erwähnt: Stattdessen wird die katholische Kirche einseitig attackiert, als sei sie eine „Hochburg des Mißbrauchs“. Dabei ist es gerade die kath. Kirche, die – ganz im Widerspruch zum Zeitgeist – an der Unauflöslichkeit der Ehe festhält und die Wiederverheiratung von Geschiedenen ablehnt.“ 

An alle, die bis hier hin gelesen haben, danke fürs Durchalten bei dem unstrukturierten Beitrag meinerseits. Aber heute ist nicht der Tag für Struktur, nicht der Tag für schönen Aufbau, Einleitung , Hauptteil, Schluss. Heute einfach nur Runter-Schreiben und Gut ists!

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8 Comments

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  1. Ich kann mir vorstellen, wie dich das stresst! Ich selbst komme zwar nicht aus einer Patchwork-Familie, aber mein Freund dafür (und bei dem ist es im Gegensatz zu dir sogar richtig kompliziert ^^) und seh wie stressig es manchmal zwischen Exmann und -Frau ist. Dafür finde ich es dann umso schöner zu sehen, wie die jetzige Patchworkfamilienkonstellation (die komplizierte ^^) funktioniert und wie schön es sein kann – deswegen teile ich deine Meinung was den dummen Artikel angeht! Patchwork heißt nicht automatisch, dass die Kinder (in Ermangelung eines besseren Wortes, pardon) etwas verkorkst werden – oder so. Ich finde es sogar toll wie aus zwei einzelnen Familien(teilen) eine ganz neue entstehen kann! :)

    lg,
    chris

  2. sehr wissenschaftlich ist das ja nicht: „psychiater xy GLAUBT …“ sagt eh schon alles. runtergeschrieben und gut ists. außerdem: wer kennt nicht die kinder/erwachsenen, die sich wünschten ihre eltern wären nicht wegen ihnen zusammengeblieben. eine streit-familie ist etwas sehr furchtbares für kinder! und eltern, die sich nicht mehr mögen, auch. dieser artikel ist wirklich sehr ärgerlich. keiner trennt sich einfach so, weil es ihm gerade lustig oder bequem ist. ach …

    • Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    • OH SORRY, hab das grad aus Versehen gelöscht, hier also wieder meine Antwort :-)

      danke dir. Ja, ich sehe das genau so. Ich denke, es entwickelt sich bei Kindern sonst eine Gefühls-Realitäts-Schere, will meinen: sie fühlen, dass die Familie keine „heiles“ System mehr ist, sehen aber, dass alles in Ordnung ist. Das heißt, das innere Koordinatensystem, die eigenen Antennen und Wahrnehmungen werden getäuscht. Das finde ich fatal.

  3. In einer Patchworkfamilie kann es genauso gut oder schlecht laufen wie in einer klassischen Familie auch..
    Diese Aussage, dass Eltern „der Kinder wegen“ möglichst lange zusammenbleiben sollten, finde ich absurd. Denn ich glaube kaum, dass Eltern, die sich nicht mehr verstehen wegen der Kinder von einer Trennung absehen, nein, da stecken meist andere Gründe – Ängste und Abhängigkeiten – dahinter. Umso fataler, wenn Kinder mit streitenden Eltern zusammenleben müssen und später auch noch zu hören bekommen: wir sind doch nur wegen dir/euch zusammengeblieben! Ich bin mit solchen Eltern aufgewachsen und ich habe mir schon als Kind gewünscht, dass sie sich doch bitte endlich trennen mögen!

  4. biosophiebasel@gmail.com

    09/07/2013 at 18:47

    Was du anfängst, sollst du auch fertig machen!
    Wie soll jemand diese Erziehungsweisheit glaubhaft an seine Kinder vermitteln, wenn er selber bei jeder Kleinigkeit aus der Beziehung flüchtet, und hinein in die nächste, die meist nicht anders verläuft als die vorherige? Muster wiederholen sich. Und es ist eben nicht der Ex-Partner an allem schuld. Und „den Richtigen“ gibt es freilich ebenso wenig wie den Falschen. Das Glück oder Unglück einer Beziehung entscheidet sich in der Konfliktfähigkeit der Partner. Sie ist eine Frage von Interessen, vor allem aber eine Sache der Entscheidung; Für oder gegen ein Leben in Verantwortung. Das, zur Mode gewordene Unschuldssuhlen, und das gegenseitige Versichern der Scheiternden, korrekt gehandelt zu haben, auch wenn ihre Verlogenheit und Selbstgerechtigkeit längst zum Himmel stinkt.

    • Hallo biospohiebasel, magst du das noch etwas ausführen? Was genau meinst du mit „etwas fertig machen“ in Bezug auf Liebe und Be- bzw. Erziehung?

      Ich bin mir sicher, dass nur sehr, sehr wenige Paare, die (gemeinsame) Kinder haben aus Kleinigkeiten ihre Beziehung beenden. Denn eine Trennung mit Kindern ist eine derart weitreichende Entscheidung, die fällt sich nicht leicht. Hast du da andere Erfahrungen gemacht? Das fände ich sehr interessant zu hören.

      Und klaro: nie ist ein Partner „schuld“, zu einem Beziehungssystem gehören immer mindestens zwei Parteien.

      Dein Kommentar klingt echt so, als ob du da richtig „bescheidene“ Erfahrungen gemacht hast
      Vielleicht antwortest du ja nochmal…

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