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INGA steht für „Interne ganzheitliche Integrationsleistung im SGB III“. Die Broschüre titelt „Gemeinsam Durchstarten“. Mein Durchstarten begann mit einer offiziellen EInladung nach §309 zu einer Gruppenveranstaltung. 
Soweit so gut. Eine Absage kommt ja nur bei dringenden Gründen in Frage, daher fand ich mich Donnerstag morgen in der Arbeitsagentur ein. Ich stehe kurz vor Vertragsunterzeichnung, hatte letzte Woche sogar zwei Zusagen zwischen denen ich mich entscheiden musste, aber egal, die Veranstaltung muss ich absolvieren.
Der Raum: am hintersten Ende der Agentur. Ich komme hinein und treffe auf ca. 20 Miteingeladene, die schweigend und taxierend in einer grauen, u-förmig angeordneten Tischreihe sitzen. Lächeln, das Guten Morgen Wünschen habe ich nur gemurmelt und selbst das schien mir schon zuviel. Also dann, schnell Platz gesucht und abwarten. Aber ich wurde sofort von den beiden Flipcharts am Tischende in Bann gezogen.

„Jede Krise ist die Basis für eine neue Chance“
„Probleme sind Chancen in Arbeitskleidung“
„Misserfolg ist die Chance es beim nächsten Mal besser zu machen“
„Es kommt nicht darauf an, was man alles leisten kann, sondern das zu leisten, was gefragt ist, denn nur das kann auch abgesetzt werden“

Keine Gespräche, jede Bewegung im Raum fällt sofort auf, vielleicht sinnieren und meditieren alle ja auch nur ganz vorbildlich über die Arbeits-phrasen? 

Dann kommt er, unser INGA Berater, jung, dynamisch, so gar nicht typisch für die Mitarbeiter, die ich bisher bei der Agentur kennen gelernt habe. Und er startet: so voller Energie: so voller Begeisterung: so voller Servicegedanken mir gegenüber: so innbrünstig.
Auszüge: „Die Berater kehren zu Ihren Wurzeln zurück“. Nur ein Berater betreut 65 Kunden und das solange bis man Arbeit gefunden hat, es gibt Termine alle 3-4 Wochen, es wird damit geworben, dass ich eine direkte Durchwahl zu „meinem“ Berater bekomme und auch eine Mailadresse. Es gibt eine „ganz, ganz enge Betreuung“. Es gibt Computerräume, auch mit Internet! Und gerne auch Coaching im Computerraum, falls jemand noch nie eine Bewerbung per Mail verschickt hat bekommt er auch gerne Hilfe dabei, ein Mail Konto einzurichten. Sie helfen bei Behördengängen und wer will, kann den Berater auch für eine „Hospitation“ direkt beim Bewerbungsgespräch buchen.

So. Da sitz ich und muss mir konstant lautes Lachen verkneifen.
Leistungen, die Standard sein sollten werden hier als Nonplusultra beworben und wir, wir sind die ersten, die in München dieses grandiose Angebot annehmen dürfen! Aber ich würde einen Teulfel tun und einen Arbeitsamtbetreuer mit zu einem Bewerbungsgespräch buchen und bitte: wie man ein Mailkonto einrichtet. Oh Herr im Himmel!

Noch Fragen? Hmm, ja: Muss ich mitmachen? Oh, oh, die Frage hätte ich mir vielleicht überlegen sollen, denn an seinem Gesicht erkenne ich, dass ich gleich in der Schublade „renitente Leistungsbezieherin“ gerutscht bin. Ich frage, muss ich mitmachen, ich bin kurz vor Vertragsabschluss. Na ja, er meint, das könne sich ja noch ganz schnell ändern. Also, Coachingthesen kann er sehr gut auf Flipcharts schreiben, aber von Motivations-Kommunikation hat er noch nichts gehört, aber das macht mir nichts, ich habe dafür genügend Wissen in dem Bereich um mich entspannt zurückzulehnen und erneut zu fragen; muss ich mit machen? Denn eine Antwort habe ich noch nicht bekommen.
Ich frage, wer wird ausgewählt für diese Programm und jetzt haut’s mich doch gleich vom Stuhl, achtung, ich zitiere wortwörtlich: „wenn der Betreuer merkt, da geht nicht viel“. 

AUTSCH! Also ich bin ja seit Dezember offiziell arbeitssuchend. Jeder, der sich auch nur im Ansatz in Unternehmensstrukturen auskennt, weiß, dass Dezember/Januar da herzlich wenig zu wollen ist. Also ging meine Bewerbung ab Mitte Janaur richtig los. Meine Betreuerin hat eine Liste von mir erhalten, mit allen Bewerbungen die ich verschickt hatte. Also 26 um genau zu sein, Stand 18. Januar.
Meine Betreuerin wollte mir dann unbedingt Jobvorschläge machen, seit dem habe ich aber keine Vermittlungsvorschläge erhalten, obwohl ich auf jobbörse.de (also dem Portal der Arbeitsagentur) jeden Tag geschaut hatte und mich hauptsächlich dort auf Stellen beworben hatte, die genau auf mein Profil passen. Aber na gut, das nur am Rande. Ich bin also trotz laufendem Bewerbungsprozess, trotz mehrfacher Einladungen zu Bewerbungsgesprächen und trotz bevorstehender Vertragsunterzeichnung eine Leistungsbezieherin, bei der man merkt, da geht nicht viel. Mit kaufmännischer Ausbildung und Anfang dreißig und nur nach drei Monaten „Bezug von Leistungen“  gelte ich quasi schon als schwer vermittelbar?
Ei, ei, ei.

Irgendwie nach knappen zehn Minuten und mantra-ähnlichen Wiederholeungen à la „es entstehen Ihnen ja nur Vorteile“ ist der Termin zu Ende. Und ich packe mich zusammen um schnell vor der Tür meiner Teilnahme an dem Projekt zu widersprechen, da gehe ich doch am Tisch vorne vorbei und sehe noch sein Handout. Und da lässst sich das Lachen in mir nicht mehr zurückhalten!
Die einzelnen Leistungen des INGA Projektes stehen aufgelistet, hinter jedem zweiten steht „->Vorteile!“ und beim Punkt noch Fragen kommt „kritische Fragen -> nur Vorteile!“

Ich lerne daraus: ich bin renitent und nicht fähig, den positiven Leistungsansatz dieses Projektes zu verkennen. Alles, was ich sehe, ist Termindruck alle zwei Wochen, permanente Kommunikation mit dem Betreuer, ständige Rechenschaft gegenüber der Agentur, Einmischung in meinen Bewerbungsprozess und wenn ich dem widerspreche die Info: ihr Betreuer wird nicht so schnell einen Termin mit ihnen vereinbaren, wenn er sieht, sie haben das INGA Projekt abgelehnt.
Na servus.
In diesem Sinne: immer schön nur auf die Vorteile fokussieren, der Rest ist kritische Nachfrage am Rande und kann mit weiteren Vorteilen beantwortet werden.

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