Um es gleich vorweg zu nehmen und Anlass für vielleicht auch hitzige Kommentare zu geben: ich selbst war noch auf keiner der Münchner Montagsdemos, bzw. der Montagsmahnwache für Frieden und Gerechtigkeit.

Kinderbedingt, krankheitsbedingt und aus familienorganisatorischen Gründen geht bisher immer mein Mann, ich bin mit den Kindern zuhause. Nichtsdestotrotz habe ich die letzten Monate die Diskussion, Medienpräsenz, Kritik und Jubelrufe rund um die seit März bestehenden Montagsdemos (der Einfachheit halber wähle ich diese Kurzform im Text) mal mit viel Abstand, mal intensiv, aber immer sehr interessiert verfolgt.

Und seit Wochen trage ich den Gedanken, einen Beitrag dazu zu schreiben, doch auch jetzt sitze ich schon eine halbe Stunde eine Woche vor meinem Rechner und blätter mich wieder durch die vielen links, Kommentare und websiten, auf denen relevanter Input zu den Montagsdemos liegt. Wie ich das alles sortieren soll, ich werde es sehen, wenn ich den Artikel beendet habe.
Vielleicht fange ich chronologisch an?

Dann käme ich gleich zu Jürgen Elsässer in Berlin, Ken Jebsen, Jutta Ditfurth. Jürgen Elsässer, der sich mit diversen Äußerungen selbst demontiert, da diese unmenschlich und nicht friedlich sind. Ken Jebsen, der sich dadurch meiner Meinung als unglaubwürdig gibt, da in dem von Elsässer initiierten Compact Magazin als Autor auftritt. Jutta Ditfurth, die die Verteidigungsstrategie und „Opferrolle“ der neuen Rechten in den Medien meiner Meinung nach parademäßig anstachelt durch Begriffe wie Antisemitismus und (sinngemäß) Weltverschwörungsdemonstrationen.

Uff, und ich muss auch zugeben, dass mich die meiner Meinung nach anfänglich empfundende lahme Abwehr von rechten Themen durch die Begründer der Montagsdemos gelähmt und abgeschreckt hat. Denn auch das Dulden und Einladen bestimmter Gäste auf einer Demonstration lässt sich dann nicht durch späteres, lautes Verneinen von rechten Inhalten und dem klaren Bekenntnis zu Frieden und Freiheit aufheben. Wozu auch immer dieses lautstarke „wir sind nicht rechts, nicht links“? Für mich persönlich nur ein Deckmantel für das trotzige „das wird man doch noch sagen dürfen“ ist unter dem sich aber so oft manche mit ihren menschenverachtenden Äußerungen verstecken.

Andererseits muss auf einer Demonstration für ein bestimmtes Ziel nicht immer einheitliches Gesamtkonsens herrschen. Auf den Demonstrationen gegen Atomenergie finden sich sicher ebenso extreme Linke sowie rechte Hardliner. Also warum wird genau hier so permanent nach der rechten Gesinnung gesucht?

Einerseits: hier in München dann auch der Besuch von Karl Richter und diversen anderen offenkundig Rechten. Wobei dann an diesem Montag auch ein Video Team von dem von mir geschätzten Portal „Endstation Rechts“ anwesend war und genau dies auch thematisierte. Was widerum dazu führte, dass doch wieder so bescheuert „ihr Journalisten seit alle scheiße“ Äußerungen geschrien wurden, obwohl ich es für viel positiver erachtet hätte, wenn man mit einem dicken Dankeschön das Kamerateam begrüßt hätte, dafür, dass sie offen legt, dass eine friedliche und tolerante Demonstration von rechten Wirrköpfen besetzt werden soll um als unvervängliche Stimmenfänger neue Rechte zu rekrutieren. Denn mal bitte: wir alle wissen lange schon, dass es erklärte Taktik der Rechten ist, sich in unverfängliche Diskussionen, gesellschaftlich akzeptierte Bereiche einzubinden und durch subversives Gedankengut Leute zu ködern und zu überzeugen. Umso wichtiger ist es doch, laut dagegen anzutreten und kollektiv ein deutliches „Nein“ zu äußern.

Gleichzeitig störe aber auch ich mich daran, dass in den Medien im Kontext der Montagsdemos von Aluhutträgern und Neurechten, Verschwörungstheoretikern und Esospinnern die Rede war und ist. Denn die größere Menge der Demonstranten lässt sich nicht in diese Gruppen sortieren, jeder Demonstrant der eben bewusst gegen diese mediale Diffamierung protestieren ging, kämpfte und kämpft noch wie Sisyphos gegen diese Schubladen (mein Mann spricht da aus eigener Erfahrung).

 

Vor einigen Tagen kam dann Wind in die Diskussionen um die Montagsdemos, da das Protestinstitut eben die Montasdemonstrationen beurteilt und analysiert hat.
„Sie [die Demonstrierenden] vertreten ein Aufbegehren gegen die erlebte Entleerung der Demokratie, die für viele nur mehr als Hülle und Symbol zu bestehen scheint. Gleichzeitig ist das Aufbegehren aber diffus und in weiten Teilen apolitisch. Es verbleibt bei einem ultraliberalen Nebeneinander verschiedener, z.T. widersprüchlicher Anliegen.“

„Bei einer Minderheit der Teilnehmer/innen finden sich rechtsextreme Einstellungsfragmente, die sich aber keineswegs zu einer konsistenten rechten Grundhaltung verdichten. Mehr als ein Drittel definiert sich als politisch links, während 40 Prozent sich auf der Links-Rechts-Achse nicht einstufen wollen, weil sie diese Zuordnung
für überholt halten.“

Aber ich weiß auch, dass ich diesen Bericht des Protestinstituts auch mit ganz anderen Zitaten hier erklären könnte und dann würden die Montagsmahnwachen eben doch wieder „offiziell bestätigt“ eine Nähe zum rechten aufweisen. Der Freitag hat das entsprechend ausgelegt.Dass viele der Äußerungen nachweisbar in einem paradoxen Verhältnis zueinanderstehen, sollte nicht über die Gefahr hinwegtäuschen, die in der Verbindung von allgemeinen Friedensbekundungen und dem Wunsch nach diktatorischer Führung liegt. Kategorien wie rechts und links mögen als Zuschreibungen nicht immer ausreichen, bei der Beschreibung der Montagsmahnwachen erscheinen sie definitiv sinnvoll.

 

Mir bleibt im Endeffekt immer noch ein mulmiges Gefühl und es fehlt die Überzeugung, mich der Demonstration anzuschließen, obwohl ich die Münchner Gruppe auch noch mal von der Berliner Veranstaltung abgrenzen würde. Nur wenn es so viele „Abers“ gibt und für mich, die ich so verdammt praxisorientiert bin, irgendwie auch die Ziele und konkreten Änderungswünsche fehlen – wie kann ich meine Motivation noch finden? Denn mein Bauchgefühl sagt mir auch, dass die Mahnwachen eine konkrete Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie Politiker ihre Ämter ausfüllen und mit der Regulierung der Welt-Finanz/Kapital-Wirtschaft ausdrücken. Und dem kann ich mich dann wieder voll und ganz anschließen!