Liebe Oma,

vor ein paar Tagen haben wir telefoniert und ein Satz des Gespräches mag mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.
Wir kamen von deinem Garten über deine Gesundheit zum Klima und daraufhin zum Konsumverhalten, der Weltpolitik und überhaupt zu vielen Themen. Und dann kam so ein kleiner Nebensatz von dir und ich wusste nicht, wo der jetzt auf einmal herkommt, du sagtest: „jetzt, wo viel zu viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen…“

Wo kommt nur dieser Satz her, denn in dem kleinen Ort in dem du wohnst leben soweit ich weiß Flüchtlinge, aber mir sind dort nie große Mengen aufgefallen.
Ich weiß auch, dass zum Teil Medien genau dieses Bild versuchen zu festigen, mit Worten und Schlagzeilen die Begriffe wie „Asyl-Flut“, „Flüchtlings-Schwemme“, „Deutschland wird überrannt“, „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „Asylbetrügern“. Und dass zu diesem Thema unsere Politik schweigt und wenn sich die Kanzlerin äußert, sie nur weinenden Flüchtlingskindern verspricht, dass in Zukunft schneller abgeschoben werden soll, weil das wohl menschlicher sei.

Und in dieses Umfeld fällt dein Satz. Höre ich deine Worte, während all meiner Erinnerungen an dich, an meine Kindheit bei dir im Garten mit Kuchen und Eis, in all meinen noch kindlichen Gefühlen, gepackt in Sommer voller Watte und Mückenstiche.

Ich weiß, du bist, nein entschuldige, du musstest im Krieg fliehen. Du warst dann nach alle den Strapazen und Verlusten in deinem Ort „der Flüchtling“, du warst keine gute Partie für den Mann, den du liebtest, du hast mir selbst erzählt, du musstest perfekt und absolut in Ordnung sein, denn der kleinste Fehler wäre dir als Flüchtling doppelt negativ ausgelegt worden. Und doch bist du angekommen, du musstest ankommen, denn dein altes Zuhause war nicht mehr erreichbar.
Dann wurde um dich herum eine Mauer gebaut, du musstest mit deinen Kindern hinter diesen leben. Bis sich eines Tages deine Tochter, meine Mutter, entscheid, diese Mauer zu durchbrechen und zu fliehen. Sie setzte ihr Leben und die Sicherheit der ganzen Familie aufs Spiel und floh in ein -ihrer Hoffnung nach- besseres Leben in einem sozusagen anderen Land.
Jetzt war nicht mehr nur ihre Mutter ein Flüchtling, sondern sie selbst musste auch wieder in einer neuen Umgebung, mit neuen Regeln, ohne Familie, ohne Freunde zurecht finden.
Also liebe Oma, sowohl du als auch deine Tochter wart Flüchtlinge. Und ihr könnt beide davon erzählen, wie hart das ist. Wie unvorstellbar und unerklärlich es ist, alles zurück zu lassen und mit nichts und oft ungeliebt in einer neuen Stadt zu landen und zu hoffen, dass einem vielleicht wenigsten ein paar helfende Hände gereicht werden.

Sofern es dir noch möglich ist gehst du in die Kirche, bist gläubig und findest dort Kraft und Zuversicht. Ich bin inzwischen aus der Kirche ausgetreten und bin kein gläubiger Mensch. Aber ich wurde bis zum erwachsen werden christlich erzogen, evangelisch um genau zu sein und was mir seit dem Kindergartenalter immer wieder erklärt, erörtert, mit mir diskutiert und theoretisiert wurde war der Begriff der Nächstenliebe. Immer wieder Nächstenliebe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Ich schweife ab, aber all das gehört zu meinen Gefühlen, Gedanken, Assoziationen, die ich zu deinem Satz habe. All das geht mir durch den Kopf, wenn ich verstehen will, warum du von „zu vielen“ Flüchtlingen sprichst.
Wir haben in Deutschland, in einem der reichsten Länder der Welt, mit Platz, mit leerstehenden Wohnungen, mit Flughäfen, die bis zu 8 Milliarden Euro kosten können, in einem Land in dem seit Jahren eine christliche Partei die Kanzlerin stellt, in einem Land, das die Menschenrechte hoch hält, in einem Land, das geschichtlich eine große und wichtige Verantwortung trägt, wir haben hier in Deutschland weiß Gott genügend finanzielle und geographische Kapazitäten um Flüchtlinge bei uns aufzunehmen, und nicht nur das, sondern auch sie gesund zu pflegen, sie in unserer Sprache zu unterrichten, ihnen unsere Kultur zu vermitteln und ihnen zu helfen, sich hier zu einzufinden.

Ich weiß auch, dass du genau aus deiner Geschichte, aus der Geschichte deiner Familie heraus niemandem Hilfe verwehren würdest, der diese Hilfe benötigt. Ich weiß das, weil ich dich und deine Wertvorstellungen ja kenne. Und ja wozu schreibe ich das dann hier alles herunter? Warum richte ich all diese Infos, Argumente und Gedanken an dich, als ob ich davon ausgehen würde, dass das notwendig ist?
Weil ich glaube ich gar nicht mit dir direkt reden will, sondern mit all den anderen Menschen, die mir hier in Deutschland gerade so begegnen und die so unreflektiert und so beiläufig, so unverschämt und skrupellos menschenverachtende und beleidigende Äußerungen tätigen.

Ich glaube – ich hoffe von dir, die du Flüchtling und Deutsche bist, eine Antwort zu erhalten, wie ich, oder wie wir damit umgehen können. Wie kann ich antworten, auf diese Angst der Deutschen, die doch so viel haben und doch nicht das mindeste hergeben wollen, außer ihrem blinden Hass, der ungezügelten Gewalt und dem Gartenzaun im Kopf und vor der Tür? Wie kann ich diese Menschen davon überzeugen, ihre Ansichten zu ändern, weicher, menschlicher, ehrenvoller und würdiger zu werden?
Selbst wenn ich versuche, sie auf ihrer „deutschen Art“ abzuholen und davon spreche, dass viele unserer Großeltern und Eltern selbst Flüchtlinge waren, öffnen sich ihre Herzen nicht.

Jetzt finde ich keinen Abschluss, ich habe so viele Fragen und du so viel Lebenserfahrung. Weißt du weiter?

Ich freue mich auf deine Antwort!